Gicht ist eine der häufigsten entzündlichen Stoffwechselerkrankungen in Industrieländern und führt zu plötzlichen, starken Gelenksschmerzen. Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen. Eine genetische Veranlagung ist in den meisten Fällen für den erhöhten Harnsäurespiegel verantworlich, der aber nicht unbedingt zu Gicht führen muss. Behandelt sollte früh werden, in Absprache mit dem Arzt/der Ärztin, meist nach dem ersten Gichtanfall. Gicht darf als systemische Erkrankung nicht unterschätzt werden.
Gichtpatient:innen sollten regelmäßig ihre Harnsäurewerte, Cholesterin, Blutdruck, Blutzucker und Nierenfunktion checken lassen. Die Stoffwechselstörung ist mehr als eine lokale Erkrankung. Darum sollte nicht nur der akute Schmerz, sondern konsequent die Entzündung nach dem ersten Gichtanfall behandelt werden. Dieser betrifft besonders oft einseitig das Großzehengrundgelenk, aber auch Mittelfuß-, Sprung-, Knie-, Ellbogen-, Hand- oder Fingergelenk können betroffen sein. Schon die leichteste Berührung schmerzt enorm.
Genetische Veranlagung
Früher dachte man, dass Gicht vor allem durch zu viel und falsches Essen oder/und zu viel Alkohol verursacht wird. Der Grund ist aber komplexer: Stoffwechsel, Nierenfunktion, hormonelle Regulation, genetische Veranlagung und chronische Entzündungsprozesse beeinflussen die Erkrankung stärker als angenommen wurde. Bei mehr als 90 Prozent der Betroffenen ist eine genetische Veranlagung vorhanden. Mit Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht und Fettstoffwechelstörungen kann ein Zusammenhang bestehen.
Während eines Anfalls muss der Harnsäurespiegel nicht erhöht sein, daher soll eine Messung mindestens zwei Wochen nach dem akuten Geschehen stattfinden. Dann entscheidet der/die Allgemeinmediziner:in, ob eine Behandlung eingeleitet wird. Nicht jeder Mensch mit erhöhten Harnsäurewerten bekommt automatisch Gicht.
Harnsäure entsteht beim Abbau von Purinen
Während Frauen Gicht meist nach dem Wechsel ereilt, sind Männer schon oft ab 40 Jahren betroffen. Harnsäure entsteht beim Abbau von Purinen, die Bestandteile unserer Körperzellen sind und die wir auch mit der Nahrung aufnehmen (Fleisch, Innereien, Fisch, Meeresfrüchte, sowie Alkohol, vor allem Bier). Ausgeschieden wird die Harnsäure im Normalfall über Nieren und Darm.
Sind die Nieren mit der Ausscheidung der Harnsäure überfordert – genetisch bedingt oder bei sehr purinreicher Kost, beim Fasten oder während einer Krebstherapie und steigt die Harnsäurekonzentration über einen bestimmten Wert, folgt ein erster Gichtanfall. Erhöhte Harnsäurewerte können aber über Jahre hinweg beschwerdefrei bestehen.
- Primäre idiopathische Hyperurikämie (zu hoher Harnsäurespiegel): Grund ist eine genetische Veranlagung. Die Nieren scheiden zu wenig Harnsäure aus.
- Sekundäre Hyperurikämie: In seltenen Fällen ist der zu hohe Harnsäurewert eine Folge von Vorerkrankungen, die mit verstärktem Zellabbau oder eingeschränkter Nierenfunktion einhergehen, wie etwa bei bestimmten Tumoren, Leukämie, Schuppenflechte, Diabetes Typ 2, bei bestimmten Medikamenten wie etwa Zytostatika (Chemotherapie), Entwässerungsmitteln. Unbehandelter Bluthochdruck und Übergewicht können eine Rolle spielen.

Einen Gichtanfall wünscht man niemanden
Typischerweise nachts oder am frühen Morgen setzen die starken Schmerzen ein. Völlerei, zu viel Alkohol, starke körperliche Anstrengung oder Stress können zum Beispiel ein Auslöser dafür sein.
Bei der Überschreitung der Löslichkeit der Harnsäure (>6,5 mg/dl Blut) können sich Harnsäurekristalle bilden, die ein Gelenk entzünden und den Gichtanfall auslösen.
Das betroffene Gelenk ist warm, geschwollen, rot und berührungsempfindlich; Fieber, Kopfweh oder Übelkeit können dazu kommen.
Innerhalb einiger Tage verschwindet der Schmerz oftmals von selbst, besonders wenn entzündungshemmende Mittel (NSAR) eingenommen werden.
Bis zum nächsten Anfall können Monate, vielleicht auch Jahre vergehen. Mit der Zeit können die Anfälle häufiger und heftiger werden und auch mehrere Gelenke gleichzeitig betreffen.

Chronifizierung ohne Therapie
Viele Patient:innen hanteln sich ohne Behandlung von Anfall zu Anfall, weil sie ja zwischendurch beschwerdefrei sind. Das kann sich rächen. Über Jahre unbehandelt, kann sich eine chronische Gichtform entwickeln. Hierbei sind mehrerer Gelenke betroffen. Die Kristalle lagern sich in Gelenken, Sehnen und zusätzlich langfristig auch außerhalb der Gelenke ab. Dadurch entstehen sogenannte Gichttophi. Man spricht von chronisch-tophöser Gicht.
Diese knotigen Ablagerungen finden sich häufig an Fingern, Zehen oder in den Ohrmuscheln. Wenn sich Kristalle in den Nieren ansammeln drohen Nierensteine.
Zusätzlich zeigen moderne Studien Zusammenhänge zwischen chronischen Entzündungsprozessen und Herz-Kreislauf Erkrankungen. Erhöhte Harnsäurewerte beeinflussen möglicherweise Gefäße und Stoffwechsel stärker als lange angenommen wurde.

Harnsäurewerte senken
Die Behandlung verfolgt zwei Ziele:
- Die Beschwerden des akuten Anfalls schnell zu lindern. Neben entzündungshemmenden Schmerzmitteln können kühlende Umschläge (Topfen) und das Hochlagern der betroffenen Körperstelle helfen.
- Dauerhafte Senkung des Harnsäurespiegels, um weitere Anfälle und chronische Gelenksentzündung mit Gelenksschäden zu verhindern. Die verordneten Medikamente, welche die Harnsäurebildung hemmen oder die -ausscheidung fördern, müssen langfristig eingenommen werden. Die Anpassung des Lebensstils ist ein weiterer Behandlungsschritt:Übergewicht reduzieren, regelmäßige Bewegung, wenig rotes Fleisch, Wurst, Meeresfrüchte, Fruchtzucker, Hülsenfrüchte und Fertigprodukte essen.Alkohol lässt die Harnsäure stark steigen und reduziert gleichzeitig deren Ausscheidung, was die Konzentration erhöht. Bier enthält noch dazu eine beträchtliche Menge an Purinen.

Ausreichend Wasser trinken. Fettarme Milchprodukte können helfen, den erhöhten Harnsäurespiegel zu senken.

Fotos: freepic / magnific


