Nahrung versorgt uns mit Energie und Nährstoffen. Essen ist aber für viele von uns mehr: verbunden mit Erinnerungen, Emotionen, Gewohnheiten. So greifen manche bei Frust, Einsamkeit, Stress, Überforderung, Langeweile, dem Bedürfnis nach Trost, Belohnung oder Sicherheit zu Süßem oder Fettem, um das negative Gefühl zu vertreiben. Das gelingt nur für ganz kurze Zeit. Emotionales Essen kann zu Übergewicht führen und löst die Ursache der unguten Gefühle nicht. Beratung und Hilfe bei diesem Essmuster finden Menschen im Gesundheitszentrum Haslach. „Wem der Automatismus bewusst ist, der kann ihn auch verändern und Alternativen zum Essen finden. Wir begleiten KlientInnen gerne auf diesem Weg“, sagt Psychotherapeutin Mag. Andrea Winter vom Gesundheitszentrum.
„Emotionales Essen ist meist ein unbewusstes Verhaltensmuster. Durch die gefühlsgesteuerte Nahrungsaufnahme will man sich besser fühlen. Wem das bewusst ist, der kann mit Achtsamkeit wieder lernen, ob er aus Hunger oder wegen einer Emotion isst“, sagt Winter. Man kann Traurigkeit, Langeweile, Einsamkeit, innerer Unruhe etc. nur sehr kurzzeitig „den Mund stopfen“. Das ungute Gefühl kommt wieder.

Schokolade, Pizza, Chips und Fast Food sind bei emotionalen Essern beliebt. Fett und Zucker aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn, wodurch die Ausschüttung von Dopamin und dem Glückshormon Serotonin gefördert wird. Dazu kommt, dass wir schon als Säugling lernen, dass mit dem Nuckeln an Flasche oder Brust auch Geborgenheit, Sicherheit und Wohlgefühl verbunden sind. Die Erinnerung an solche Gefühle, oder dass man als Kind mit Süßigkeiten getröstet oder belohnt worden ist, spielen bei Emotionsessern oft eine Rolle.
Anzeichen wahrnehmen
Folgendes Signal beschreibt Emotionales Essen:
- Emotionaler Hunger stellt sich meist plötzlich in einer bestimmten Situation/Emotion ein: Er will sofort gestillt werden und führt zu achtloser Nahrungsaufnahme, statt bewusstem Genießen
Ursachen bewusst machen
Folgende Fragen helfen das Essverhalten zu reflektieren:
- Essen Sie häufig, ohne hungrig zu sein?
- Essen Sie, um sich zu belohnen?
- Spüren Sie, wenn Sie satt sind oder ignorieren Sie dieses Gefühl?
- Essen Sie, um sich von negativen Emotionen abzulenken?
- Haben Sie das Gefühl, Essen ist wie ein guter Freund für Sie?
- Vermittelt Ihnen Nahrung Sicherheit und Geborgenheit?
- Verurteilen Sie sich nach dem Essen?
Unangenehme Emotionen wollen wir alle nicht gerne fühlen. Wer den Impuls verspürt, dann sofort zum Sackerl Chips zu greifen, soll kurz innehalten und hinspüren, welches Gefühl ihn dazu treibt. Die Emotion zulassen – das kann ihr die Spitze nehmen und dann bleibt die Tafel Schokolade oder das Sackerl Chips vielleicht unberührt und man legt stattdessen die Lieblings-CD ein und tanzt sich zum Beispiel den Frust von der Seele….
Handlungsspielraum erweitern
„Essen ist bei Stress oder Frustration nicht die Lösung. Es geht in der Gesprächstherapie darum, die Ursache für den Essanfall zu finden, wieder zu spüren, was brauche ich in diesem Moment wirklich. Was gibt mir ein gutes Gefühl? Jeder Mensch kann individuelle Wohlfühlrituale entwickeln“, erklärt die Psychotherapeutin. Ist der Auslöser z.B. Stress, braucht es Lösungsstrategien, um Stressoren zu verringern.
Manchen hilft es nach einem stressigen Tag, Urlaubsfotos zur Entspannung anzuschauen, sich einen Feel-good-Song anzuhören, andere machen einen Spaziergang oder kuscheln mit der Katze, lassen sich ein Bad ein oder rufen eine Freundin an, um in eine bessere Gefühlslage zu kommen. Wer gelernt hat, alternatives Verhalten bei unguten Emotionen anzuwenden, bei dem wird sich nach oftmaligem Üben das Muster verändern und irgendwann wird das Essen in solchen Stresssituationen kein Thema mehr sein.
Aber man muss geduldig mit sich sein. Sich nicht unter Druck setzen, denn das macht erst wieder Stress. Alleinige Diät hilft nicht, um „Frustkilos“ auf den Hüften wieder los zu werden. Sich Hilfe zu holen ist Teil der Selbstfürsorge und Selbstwirksamkeit, aber sicher keine Schwäche.
Regelmäßig essen, um Heißhunger zu verhindern
Wenn der Körper mit Nährstoffen unterversorgt ist, kann das zusätzlich die emotionale Reizbarkeit erhöhen und das Risiko für Essanfälle steigern. Daher darauf achten, regelmäßig zu essen und dauerhaft zu geringe Energiemengen zu vermeiden. Regelmäßiges Essen stabilisiert den Blutzucker und reduziert impulsives Essen und Heißhunger.
„Wenn Essen als Kompensation gelegentlich auftritt ist es nicht krankheitswertig, kann aber für Betroffene belastend sein. Mit viel Übung gelingt es meist, sein Muster los zu werden. Und dann braucht man Nahrungsaufnahme nicht mehr als Krücke, um Druck und Überforderung auszuhalten oder ungeliebte Emotionen zu betäuben“, sagt die Psychotherapeutin, die eng mit DiätologInnen und ÄrztInnen des PVZ zusammenarbeitet. Denn wenn Hunger nicht das Problem ist, dann ist Essen nicht die Lösung!
Noch keine Essstörung
Krankheitswertig kann das Emotionsessen werden, wenn es die einzige Strategie ist, mit Gefühlen umzugehen, Essanfälle unkontrollierbar werden und täglich oder mehrmals in der Woche auftreten. Oftmals werden Essanfälle verheimlicht, sind von Schuld und Schamgefühl begleitet. Dann kann die Grenze zur Essstörung „Binge Eating“ überschritten sein. Wenn häufigen unkontrollierten Essanfällen Erbrechen folgt, kann das ein Symptom für Bulimie sein. Bei Anzeichen einer Essstörung ist professionelle Hilfe notwendig, unbedingt den Hausarzt oder die Hausärztin aufsuchen.

Easykids – Programm für Kinder und Jugendliche mit (beginnendem) Übergewicht und deren Familien
Nicht nur Erwachsene finden in Haslach Hilfe und Beratung, sondern auch Familien sind willkommen, wenn sie vermuten, dass situatives emotionales Essen eine Rolle spielt. Im September hat beispielsweise das mehrwöchige Programm „Easykids-fix“ der ÖGK in Haslach gestartet. (Informationen dazu unter diesem LINK)

Fotos: freepik / magnific






